„Jede Unwissenheit ist bedauerlich, aber Unwissenheit auf einem so wichtigen Gebiet wie der Sexualität ist eine ernste Gefahr.“ Bertrand Russel, Philosoph (1872-1970)
Ziele
Uns eint die Vision einer Gesellschaft, in der Sexualität ganz selbstverständlich in Freiheit und Würde gelebt werden kann. Wir wünschen uns, dass jeder Mensch die eigenen sexuellen Bedürfnisse kennen und sie auf vielfältige Weise erfüllen kann, ohne auf Kosten anderer zu agieren.
Die jahrhundertelange Sexualfeindlichkeit in Europa hat Spuren hinterlassen: uns fehlen lebbare Vorbilder für einen unbeschwerten Umgang mit Sexualität. Wir machen uns auf die Suche - überall auf der Welt, in verschiedenen Kulturen, Fachdisziplinen und Szenen. Wir wollen dir ihren reichen Schatz an Ideen, Ansätzen und Erkenntnissen zugänglich machen, der sonst oft über die jeweiligen Kreise hinaus wenig bekannt ist. Und wir bieten dir Gelegenheit, sexuelle Kultur selbst kreativ neu zu schöpfen - aus deinem Innersten heraus, ganz eigen und innovativ.
Begib dich auf einen Streifzug durch die Welt der Sexualität. Die interaktive Grafik ist eine Einladung zum Klicken und Stöbern. Fragestellungen und Themen, um die wir uns kümmern wollen, Inspirationsquellen, die wir nutzen wollen - zum Appetitanregen und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit...
Unsere VisionSexualität hat tausend Facetten und wirft jede Menge Fragen auf. Sie ist Gegenstand verschiedenster Fachdisziplinen; jede Epoche hatte, jede Kultur hat ihren eigenen Zugang, jede Religion und spirituelle Richtung ihren eigenen Blick auf die Sexualität. Sie ist Thema in Kunst und Medien und verschiedene Subkulturen eröffnen weitere Blickwinkel... Im Zentrum für sexuelle Bildung bringen wir ExpertInnen verschiedener Hintergründe zusammen, um einen Ort zu schaffen, an dem du alles über Sexualität lernen kannst, was du wissen und erfahren willst. Von praktisch bis theoretisch, von emotional bis intellektuell, von wissenschaftlich bis spirituell – wir bieten Räume für Erfahrung, Experiment und Diskussion. SpiritualitätWelche Rolle spielt Sexualität in verschiedenen spirituellen Traditionen und Religionen? Kann sie nutzbar gemacht werden auf der Suche nach dem Göttlichen oder steht sie dem im Weg? Ist „heilige Sexualität“ ein Widerspruch oder ohnehin eins? Welche Lehren gibt es und wie gehen sie mit Sex, Lust und Erotik in der Praxis um? Welchen Ursprung haben Zölibat und Klosterleben, Körperbemalungen und -beschneidungen, Teufelsaustreibungen und Tempelprostitution? Was unterscheidet die Liebe zu Gott von körperlicher oder Nächstenliebe? Welche Kraft hat Sexualität, wie wird sie nutzbar gemacht? Wie können wir sie in unseren eigenen modernen westlichen Alltag integrieren? KulturWas bringen wir von Geburt an mit, was ist unser biologischer Rucksack – und was können wir gestalten? Welche Werte übernehmen wir unbewusst im Zuge der Sozialisation und wie stark sind davon unsere sexuellen Ausdrucksformen und Gefühle geprägt? Welchen Niederschlag findet das in unserer Umgebung, in Design und Kunst, in der Sprache und in Tabus, in Wissenschaft und Wirtschaft? Was ist normal, was nur verpönt, was ist kriminell? Welchen Einfluss hat die uns prägende christliche Religion? Welche Vor-Stellungen stehen welchen körperlichen Erfahrungen entgegen und wie wirkt solch ein Spanungsfeld auf uns? Wie können wir selbst sexuelle Kultur schaffen? ProfessionIn welchen beruflichen Zusammenhängen taucht Sexualität als Thema auf? Wie gehen ÄrztInnen, PädagogInnen, TherapeutInnen, Betreuungs- und Pflegepersonal mit dem Thema Sexualität um? Welche Worte, Kenntnisse, Methoden verwenden die, deren Job sich direkt um Sexualität dreht - SexualberaterInnen, SexualpädagogInnen, SexualtherapeutInnen, aber auch diejenigen, die hautnah mit Erotik und Sinnlichkeit arbeiten - SexualbegleiterInnen für Behinderte, Tantra- und ErotikmasseurInnen, Domina und Dominus, Escorts, PornographInnen...? Was ist an Sexualität anders, wenn sie im professionellen Kontext geschieht? Ist Sexwork eigentlich ein "normaler Job"? Warum gibt es in dem Bereich kaum Aus- und Weiterbildung? IdentitätWer bist du als sexuelles Wesen? Frau, Mann, von beidem etwas, etwas ganz anderes? Welche Geschlechterrollen bietet unsere Kultur, welche andere Kulturen? Sind sie hilfreich, engen sie ein? Wie verändert sich Sexualität in verschiedenen Lebensphasen? Wie bilden wir unsere sexuelle Identität heraus – im Einklang oder im Gegensatz zu biologischen Vorgaben, zu gesellschaftlichen Normen? Welchen Platz hat Sexualität in deinem Selbstbild? Kraftquelle? Zu kontrollierender Trieb? Nebensache? Ursache von Verletzungen? Sinn des Lebens? Wie stark definierst du dich über dein Begehren von Männern, Frauen, Menschen oder deine sexuelle Attraktivität? BeziehungGeht Sexualität ohne Beziehung? Beziehung ohne Sex? Wie willst du deine Sexualität leben - in langen, kurzen, einzelnen, mehreren, offenen, geschlossenen, gleichberechtigten, hierarchischen, partnerschaftlichen, freundschaftlichen, ... Beziehungen? Wie ziehst du die passenden PartnerInnen an, und wie könnt ihr gemeinsam die Beziehung aktiv gestalten? Wie kannst du den Funken in langen Beziehungen erhalten oder wieder erwecken? Wie steht es um die Beziehung zu dir selbst, auch die sexuelle? Wie kommunizierst du sinnliche und sexuelle Bedürfnisse und Grenzen, verbal und nonverbal? Und wie sprichst du mit anderen über Sexualität – mit Freunden, Verwandten, Eltern, Kindern...? Spielarten & TechnikenWelche Spielarten und Techniken können das erotische Repertoire erweitern, den Sex abwechslungsreicher und prickelnder machen? Was kickt dich? Sinnliche Massage? Wildes Raufen? Dirty Talk? Füße? Gruppensex? Welches Spielzeug gibt es, worauf lohnt es sich bei der Auswahl zu achten? Wie kann ich meine Alltagsumgebung spielerisch nutzen? Wie kann ich jemanden ästhetisch und sinnlich fesseln, oder einfach nur bewegungsunfähig machen? Was versteckt sich hinter den Buchstaben BDSM? Was lehren Tantra und Tao über die Steigerung der sexuellen Energie, was lehrt der Tango Argentino über Verführung? GesundheitWelche Wechselwirkungen gibt es zwischen Sexualität und unserer körperlichen, psychischen, seelischen Gesundheit – und wie können wir sie zum Positiven nutzen? Welche Funktion hat ein Orgasmus? Welche gesundheitlichen Risiken bergen Sexualpraktiken, und wie kann ein bewusster Umgang damit aussehen? Wie lebt sich Sexualität mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder mit einem Körper oder einer Psyche, die nicht der Norm entsprechen? Was ist gesunde Sexualität, und wer entscheidet das? Wie sieht deine gesunde Sexualität aus? Und wenn sie sich – ganz subjektiv – mal nicht gesund anfühlt: welche Erfahrungen können heilsam sein? KünsteKeine Kunstform, in der Sexualität nicht thematisiert worden ist... Popmusik und Oper, Theater, Performancekunst, Romane, Gedichte, Theaterstücke, Kinofilme, Fernsehserien, Gemälde, Comics, Skulpturen, handwerkliche Arbeiten sind Anregung und Inspiration, bilden ab was war, was ist und was sein könnte, geben Ideen, schaffen Visionen, Vorbilder und Identifikationsmöglichkeiten. Wo spielen die Künste, wo sind sie natürlich, wo traditionell, wo provozierend? Wer entscheidet und nach welchen Kriterien, was Kunst und was Pornografie ist? Bestehende und entstehende Werke laden zu Interpretation und Diskussion ein und jede Kunstform ist mögliches Medium für eigene Auseinandersetzung, Ausdrucksmittel für eigene Gedanken, Ideen, Erlebnisse. WissenschaftMedizin und Biologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft, Kultur- und Geschichtswissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Philosophie, Rechtswissenschaften und Pädagogik - sie alle und mit Sicherheit noch einige weitere beschäftigen sich in Teilgebieten mit Aspekten der Sexualität, oder mit grundsätzlichen Fragen, die Auswirkungen oder Anwendungsgebiete auch im Bereich der Sexualität haben. Zusammen bieten sie einen reichhaltigen Fundus an Fakten und Theorien, Blickwinkeln und Methoden, sowie jede Menge offene Fragen, denen noch nachgegangen werden will. KörperarbeitDas weite Feld Körperarbeit bietet eine Vielzahl von Berührungs- und Bewegungstechniken, die Entspannung und körperliches Wohlbefinden steigern können. Darüber hinaus findet sich hier eine wahre Schatzkiste von Methoden zur Schulung von Körperwahrnehmung, Beweglichkeit, Geschick und Empathie. Erfüllte Sexualität fängt schon lange vor dem Sex an - mit der Kenntnis und Annahme des eigenen Körpers, der Fähigkeit, das eigene körperliche Befinden aufmerksam wahrzunehmen, körperliche Bedürfnisse zu bemerken und zu kommunizieren, und die Körpersprache des Gegenübers wahrzunehmen, zu deuten und bei Unklarheit anzusprechen. SozialpädagogikSexualpädagogik ist mehr als biologischer Aufklärungsunterricht; auch jenseits der Prävention von Ansteckung und ungewollter Schwangerschaft bietet sie erprobte Methoden, um eine selbstbestimmte sexuelle Entwicklung vom Kleinkind- bis ins Erwachsenenalter jeweils angemessen, positiv und respektvoll zu begleiten. Sexualpädagogik kennt spielerische Wissensvermittlung, aber vor allem Wege, um ins Gespräch zu kommen über eigene Einstellungen, Wünsche, Ängste und über gesellschaftliche Werte und Normen rund um Beziehung und Sexualität. Mit ihrem Appell an Lehrende und AnsprechpartnerInnen, zum Thema Sexualität eigene Einstellungen immer wieder zu reflektieren, ist sie stets Ansporn, nicht stehen zu bleiben und noch einen weiteren Blick über den Tellerrand zu wagen. Verschiedene KulturenBeim Blick in die Vergangenheit oder über die geografischen Grenzen hinaus offenbaren sich Möglichkeiten für einen alternativen Umgang mit Sexualität. Mythen, Rituale, Worte, alltägliche Umgangsformen - wir können sie als Anregung nutzen und für unser eigenes Leben anpassen. Der Blick auf fremde Kulturen schärft auch den Blick für die eigene Kultur und ermöglicht es uns, uns bewusster dazu zu verhalten. Dabei lohnt sich nicht nur der Blick auf handfeste Kenntnisse, wie andere Völker ihre Sexualität leben oder verhindern. Was wir zu wissen glauben, unsere romantischen Verklärungen und Feindbildprojektionen, sind Schlüssel, um unsere eigenen Ängste und Sehnsüchte zu erkennen. TherapieSexualität als ein Faktor unserer geistigen und körperlichen Gesundheit hängt stark von kulturellen Gegebenheiten und persönlichem Empfinden ab. Auch, aber nicht nur bei negativen Vorerfahrungen - die Sexualtherapie kennt Möglichkeiten, das Sexualleben im Alltag, allein und in Partnerschaft, zu verbessern. Therapeutische Methoden aus Sexual- und Paartherapie sowie aus anderen Richtungen wie Kunst-, Tanz- und Musiktherapie können oft auch jenseits eines therapeutischen Kontextes gewinnbringend eingesetzt werden: zur Selbsterfahrung, zur Stärkung des Selbstbewusstseins oder zur Verbesserung der Kommunikation - in der Erotik selbst, aber auch als Voraussetzung für ein erfülltes Sexualleben. Subkulturen & SzenenOft unbemerkt vom Rest der Welt finden in verschiedenen Subkulturen und Szenen intensive und innovative Auseinandersetzungen über Sexualität statt, die als Inspirationsquelle eine breitere Bühne verdient haben. Swinger und Polyamore zähmen die Eifersucht und erproben neue Beziehungsmodelle. Die spirituelle Szene forscht nach individuellen, lebbaren Formen heiliger Sexualität. Die queere Szene stellt Geschlechterkonzepte in Frage und öffnet den Blick für sexuelle Identitäten jenseits von "Mann" und "Frau". In der BDSM-Szene gibt es eine rege Workshopkultur und einen ständigen Diskurs über Macht und Verantwortung sowie den bewussten Umgang mit Grenzen und negativen Gefühlen wie Angst, Schmerz, Machtlosigkeit.
Sexuelle Bildung
So wie Sexualität weit mehr ist als der Wunsch, sich fortzupflanzen, ist sexuelle Bildung weit mehr als Aufklärung über biologische Zusammenhänge und Prävention von ungewollter Schwangerschaft und Infektionen. Sexuelle Bildung soll zu einem erfüllenden, selbstbestimmten, respekt- und liebevollen Umgang mit Sexualität - der eigenen und der anderer - befähigen. Sie soll konkret und brauchbar sein und den ganzen Menschen einbeziehen - geistig, körperlich, emotional und spirituell.
Sexuelles Leben und Erleben kann gefördert oder beeinträchtigt werden - wie eine musikalische, künstlerische oder sprachliche Begabung. Nicht jede und jeder hat Lust, jede Kunst zu meistern, und natürlich gibt es AutodidaktInnen, die lieber auf eigene Faust experimentieren. Unser Angebot richtet sich an diejenigen, die gerne Begleitung, Anleitung und Anregung auf ihren Forschungsreisen ins Reich der Sexualität hätten, oder die den Erfahrungs- und Gedankenaustausch mit anderen suchen.
Auch weil Sexualität oft missverstanden und missbraucht wird - zur Manipulation in der Werbung, in persönlichen oder politischen Machtstrukturen - finden wir es wichtig, dass jede und jeder die Möglichkeit hat, Informationen zu erhalten und Erfahrungen zu machen, um sich selbst Urteile bilden zu können. Bildung heißt für uns vor allem, in sicherem Rahmen Gelegenheit und Anregung zu eigener Auseinandersetzung zu schaffen. Wir wollen nicht dozieren, sondern Impulse und Anregungen geben und ein Umfeld zum angeleiteten und begleiteten Experimentieren schaffen. Dabei bestimmt jede und jeder selbst den Umfang und die Art der Erfahrungen.